Aktuelle Ausstellung

Woman Outsider

18. April – 22. Dezember 2018

Neun Frauen – neun Lebensgeschichten – neun künstlerische Positionen. Die Biografien der neun Künstlerinnen sind ebenso unterschiedlich und einzigartig wie ihre Werke. Die individuelle Ausdrucksweise, die unendlich vielfältigen Materialien und die grosse Palette an Techniken zeigen verschiedene Facetten weiblicher Inspiration, die sich in unverwechselbar eigenständigen künstlerischen Umsetzungen spiegeln.

Die ausgewählten Künstlerinnen sind Stellvertreterinnen für viele andere Kunst- und Lebensgeschichten und beleuchten selbst gewählte oder aufgezwungene Aussenseiterrollen von Frauen in der Kunst1 und in der Gesellschaft aus verschiedenen Perspektiven. Unsere Aussenseiterinnen scheren sich wie Sabrina Gruss, Olivia Etter, Vivianne De Bueren, Josette Rispal oder Christiane Alanore weder um gesellschaftliche Normen, konventionelle Lebensformen noch um traditionelle Kunstbegriffe, leben wie Ida Buchmann, Giuseppina Pastore oder Judith Scott in einer eigenen, dem Umfeld schwer zugänglichen Welt oder nehmen wie Rosemarie Koczy eine fremde Identität an. Ihre Werke aus Samenkapseln, Pilzen, Schneckenhäusern, Knochen und anderen tierischen Überresten, Blechbüchsen, Vasen, Fläschchen und Perlen, Stoffen, Fäden und vielem mehr sind Ausdruck von Passion und schmerzerfüllter Leidenschaft, widerspiegeln Sehnsüchte und thematisieren das Leben ebenso wie die Angst vor dem Tod.

Um den Persönlichkeiten und dem damit verbundenen künstlerischen Schaffen der neun Frauen gleichermassen gerecht zu werden, wird jede Künstlerin in einer eigenen Nische präsentiert. Die dadurch zum Ausdruck gebrachte Originalität der neun Frauen verbindet sich in der erfrischend frechen Schau zu einem Feuerwerk von Farben, Formen, Materialien, Techniken und weiblichem Erfindungsgeist.

Christiane Alanore (*1924, lebt in Cannes)
In Paris geboren, besuchte Christiane Alanore die Ecole Nationale des Beaux-Arts, war davon aber enttäuscht und wandte sich von der traditionellen Kunst ab. Wegen ihres unehelichen Sohnes von ihrer bürgerlichen Herkunftsfamilie verstossen, verdiente sie ihren Lebensunterhalt als Zeitungsverkäuferin. In der Freizeit widmete sie sich mit Leidenschaft dem Zeichnen und Malen. Ihre eindrücklichen skizzenhaften Zeichnungen und die mit blossen Fingern gemalten Ölbilder sind unmittelbar aus dem Leben gegriffen und Ausdruck ihrer ureigensten Gefühle, die insbesondere von der tiefen, aber nicht befriedigenden Liebe zum Künstler Jean Dubuffet geprägt waren.
Christiane Alanore: Femme avec un chien Bild: Sinai Mutzner

Ida Buchmann (1911-2001)
In Egliswil (CH) geboren, lebte ab 1966 in der psychiatrischen Klinik Königsfelden und wurde dort als Künstlerin entdeckt. Ihre dynamischen, bis zu 4 x 4 m grossen Bilder entstanden häufig ad hoc im Dialog mit Gesprächspartnern und sind oft mit Texten versehen, die von Liebe, Freundschaft, Erinnerungen an ihre Familie, Sehnsüchten und Träumen handeln. Die starken Konturen und die kräftigen Farben unterstreichen den emotionalen Charakter der Zeichnungen.
Ida Buchmann: Grösse 49 Bild: Museum im Lagerhaus, Stiftung für schweizerische Naive Kunst und Art Brut, St. Gallen

Vivianne de Bueren (1927- 2016))
Vivianne de Bueren zog mit 18 Jahren der Liebe wegen nach Haiti und nahm damit in Kauf, dass ihre Familie deshalb jeglichen Kontakt zu ihr abbrach. Ihre Objekte sind Reminiszenzen an ihre Wahlheimat. Sie bestehen aus plattgedrückten Blechdosen, die Kinder und Jugendliche auf der Strasse von Haiti für sie sammelten. Auf einem Drahtgerüst zusammengefügt, werden die Abfallmaterialien zu Reliefs, die trotz – oder gerade wegen – ihrer Patina aus Rost und Gebrauchsspuren erst auf den zweiten Blick etwas vom ursprünglichen Verwendungszweck des Materials erahnen lassen.
Vivianne de Bueren: Une Femme Bild: Christian Schwarz

Olivia Etter (* 1956, lebt in Zürich)
Olivia Etter ist eine originelle und vielseitige Zürcher Künstlerin, die auch in der legendären Ausstellung Saus und Braus in der Städtischen Galerie Strauhof in Zürich vertreten war. Ihre Arbeit umfasst surrealistische Gemälde mit verspielten, erotischen Traumtieren, Objekte und raumfüllende Plastiken. Daneben macht sie Musik, singt und schreibt Texte. Besonders bekannt sind ihre fragilen Etterlinge, die sie aus gefundenen Naturmaterialien herstellt. Die Installation im Musée Visionnaire entstand speziell für diese Ausstellung.
Olivia Etter: Doppelvase Bild: Sinai Mutzner

Sabrina Gruss (*1986, lebt in der Provence)
Auf ihren einsamen ausgedehnten Streifgängen durch die wilde Natur der Provence sammelt Sabrina Gruss Knochen, Federn, Wurzeln, Schneckenhäuser, Pilze etc. und gestaltet damit eigenartig faszinierende und irritierende Objekte, die in ihrer Zauberhaftigkeit auf die Vergänglichkeit aller Kreatur hinweisen und in der Tradition des jahrhundertealten Totentanz-Motives stehen.
Sabrina Gruss: Sourire pluvieux Bild: Galerie Béatrice Soulié

Rosemarie Koczy (1939 – 2007)
Kindheit und Jugend verbrachte Rosemarie Koczy bei den Grosseltern in Recklinghausen und in einem Waisenhaus. Mit 20 Jahren kam sie in die Schweiz und bewarb sich erfolgreich an der Ecole des Arts décoratifs in Genf. Seit den 70er-Jahren stand der Holocaust im Zentrum ihres künstlerischen Schaffens. Unter dem Titel Ich webe Euch ein Leichentuch gedachte sie mit einer grosssen Zahl von Tuschzeichnungen, Gemälden und Tapisserien der Opfer der Shoah. Warum sie selber eine jüdische Identität annahm und sich als Betroffene des Holocaust bezeichnete, obwohl sie römisch-katholischer Abstammung war, wurde bis anhin nicht geklärt. Ihrem ausdrucksstarken Werk tut dieser Umstand, der erst nach ihrem Tod bekannt wurde, jedoch keinen Abbruch.
Rosemarie Koczy: I weave you a shroud Bild: Galerie S. Brunner

Giuseppina Pastore (1940 – 2000)
In Florenz geboren, studierte Giuseppina Pastore Physik, Mathematik und Politikwissenschaften, bevor sie mit 24 Jahren psychisch erkrankte und deshalb seit 1970 bis zu ihrem Tod in der Klinik Vincenzo Chiarugi wohnte. Hier erhielt sie die Chance, im Atelier La Tinaia gestalterisch zu wirken. Ihre geheimnisvollen Bilder weisen eine bunte, ornamentale Formensprache auf. Sie sind mit geometrischen Zeichen, einer Art mathematischer Gleichungen und Textfragmenten durchsetzt und verweisen auf aktuelle wie auch auf vergangene Seelenzustände der Künstlerin.
Giuseppina Pastore: 11/98 Bild: Tamara Widmer

Josette Rispal (*1946, lebt in Paris)
Über das Modellieren mit Ton entdeckt Josette Rispal mit 28 Jahren ihr grosses schöpferisches Potenzial. Ihre Objekte sind das Resultat eines unermüdlichen Erfindungsgeistes und verbinden edle Materialien wie Bronze, Muranoglas oder Schmucksteine mit Muscheln, Knöpfen, Stoffen, künstlichen Blumen oder anderen Fundstücken zu einem unverwechselbaren Universum aus Masken, Lichtskulpturen, Puppen, oder lebensgrossen Figuren. Jenseits gesellschaftlicher Normen lebte und arbeitete sie viele Jahre in einer Garage in Paris.
Josette Rispal: La Chiffonette Bild: Josette Rispal

Judith Scott (1943-2005)
In Ohio geboren. Kam mit Down-Syndrom zur Welt, verlor als Kind aufgrund einer Scharlach-Infektion das Gehör und konnte nie sprechen. 35 Jahre lebte sie in kompletter Isolation, bevor sie 1985 auf Initiative ihrer Zwillingsschwester im Creative Growth Art Center in Kalifornien in eine Institution kam, die ihren besonderen Bedürfnissen gerecht wurde. Hier fand sie zu ihrem eigenen Ausdruck in grossartigen Skulpturen, für die sie allerlei Alltagsgegenstände mit Wolle, Stoffbändern, Elektrokabeln etc. einwickelte. Mit diesen Objekten verlieh sie ihrem Gefühl der Isolation und der Sehnsucht nach Geborgenheit ein Gesicht und eine bildhafte Sprache, die mehr als Worte sagt. Ihr Werk ist international bekannt und findet sich u.a. in der Collection de l’Art Brut in Lausanne.
Judith Scott: Ohne Titel (44JS) Bild: Creative Growth Art Center

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